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US-Profi-Basketball der FrauenCaitlin Clark zwischen Hype und Häme

May 22, 2026  Twila Rosenbaum  9 views
US-Profi-Basketball der FrauenCaitlin Clark zwischen Hype und Häme

Fünf Niederlagen und null Siege – so lautete die bittere Bilanz von Caitlin Clark zu Beginn ihrer ersten Profisaison in der Women’s National Basketball Association (WNBA). Die 22-Jährige, die im diesjährigen Draft an erster Stelle von den Indiana Fever ausgewählt wurde, galt als das größte Talent seit Jahren. Doch der Start war ernüchternd: Sie traf nicht wie gewohnt, fand selten einen Rhythmus mit den Mannschaftskameradinnen und wirkte mitunter überfordert. Prompt häufte sich die Kritik an der jungen Spielerin – ganz ohne Schonfrist.

Ist sie zu klein für die Profiliga? Zu zart? Zu schwach? Hält sie den Erwartungsdruck nicht aus? Oder steckt hinter all dem Hype um die weiße Spielerin Rassismus, der schwarze Spielerinnen mit größerem Talent absichtlich übersieht? Diese Fragen dominieren die Diskussion in den US-Medien seit Wochen. Dabei appellieren viele Fachleute an Geduld. Nancy Lough, Sportwissenschaftlerin an der Universität von Nevada in Las Vegas, betont: „Selbst eine College-Ausnahmespielerin wie Caitlin Clark muss sich an das neue Umfeld der WNBA gewöhnen. Wir sollten ihr Zeit geben.“

Die schwierigen Umstände in Indiana

Die Situation in Indiana ist alles andere als ideal. Das Team verlor im vergangenen Jahr 27 von 40 Spielen und wird von Trainerin Christie Sides gecoacht, die erst seit zwölf Monaten im Amt ist. „Von Caitlin wird erwartet, dass sie von Anfang an die Mannschaft anführt und die meisten Punkte macht. Dabei hat sie kaum Unterstützung von guten Spielerinnen und Mentorinnen. Ihnen allen fehlt die Erfahrung, die viele andere WNBA-Mannschaften haben. Angesichts der Umstände spielt sie ziemlich gut“, erklärt Lough.

Inzwischen haben Clark und die Indiana Fever immerhin einen Sieg zu verbuchen, stehen aber weiterhin an vorletzter Stelle der Tabelle. Die Erwartungen an die Rookie sind enorm: Nach ihren rekordverdächtigen Leistungen im College-Basketball – sie wurde zur NCAA-Topscorerin aller Zeiten mit über 3.900 Punkten – sollte sie die Liga revolutionieren. Dabei wird oft vergessen, dass der Sprung vom College in die Profiliga gewaltig ist. Clark trifft nun auf Athletinnen, die physisch stärker, erfahrener und taktisch versierter sind. Ihre Dreipunktwürfe, im College gefürchtet, werden nun viel härter verteidigt.

Rassismus und mediale Ungleichbehandlung

Dass Clark trotz mittelmäßiger Leistung die meiste Medien-Aufmerksamkeit bekommt, hat nach Ansicht vieler Beobachter viel mit Rassismus zu tun. Las Vegas Aces Star A’ja Wilson, zweimalige Meisterin und Olympiasiegerin, kritisierte öffentlich: „Schwarze Athletinnen können jahrelang auf höchstem Niveau spielen und würden trotzdem übersehen, wenn es um Werbeverträge, Publicity und Bezahlung geht.“ Wilson zeigte sich genervt von den ständigen Fragen der Reporter über Clark: „Eure Fragen sind so nervig, weil sie jung ist, gerade einmal anfängt. Ihr tut, als wäre sie eine erwachsene Frau. Sie muss noch viel lernen, und das ist okay. Aber diese Gespräche sind so ermüdend.“

Die ungleiche mediale Behandlung von Schwarzen Spielerinnen und Caitlin Clark ist seit ihren College-Jahren nicht zu übersehen. Machte Clark zum Beispiel ihre Gegnerinnen mit Gesten und provokanten Kommentaren sauer, galt das als ehrgeizig und unterhaltsam. Tat Gegnerin Angel Reese dasselbe, wurde sie als unsportlich abgestempelt. Reese, die Clark im NCAA-Finale 2023 besiegte, erlebte eine Welle von Hasskommentaren, während Clark als „Gesicht des Frauenbasketballs“ gefeiert wurde.

Bisher nur weiße Spielerinnen mit eigenem Nike-Schuh

Vor ihrem ersten Profispiel bekam Caitlin Clark von Nike den Vertrag für einen eigenen Schuh. Diese Ehre kam zuvor nur drei Basketballspielerinnen zu: Sheryl Swoopes, Lisa Leslie und Elena Delle Donne – alle weiß. Dabei sind 73 Prozent der WNBA-Spielerinnen Schwarz. Und Clark bekam als erste Spielerin einen Beratungsvertrag mit dem Basketball-Hersteller Wilson. Sportwissenschaftlerin Nancy Lough meint: „Eigentlich hätte A’ja Wilson diesen Vertrag haben müssen. Aber weiße Frauen gelten nach wie vor als besser zu vermarkten. Werden Schwarze Frauen anders behandelt als weiße? Klar. Warum sollte das in der WNBA anders sein? Und selbst jetzt, wo wir anfangen, die Leistungen aller Athletinnen anzuerkennen, wird das nicht sofort aufhören. Aber wenn eine breitere Öffentlichkeit das Talent und die Persönlichkeiten der Frauen sieht, vielleicht kann das den Spannungen rund um den allgegenwärtigen Rassismus in unserer Gesellschaft entgegenwirken.“

Fortschritte in der WNBA

Immerhin werden die Themen Rassismus und Sexismus in den USA inzwischen breit diskutiert, und auch Taten folgen: Gehälter werden angehoben, Trainingsanlagen und Umkleideräume modernisiert. In dieser Saison fliegen WNBA-Mannschaften zum ersten Mal auf weiten Strecken mit Charterflugzeugen – ein Meilenstein, der die Arbeitsbedingungen erheblich verbessert. Die Liga erlebt einen Aufschwung, nicht zuletzt durch den Hype um Clark, der die TV-Einschaltquoten und Zuschauerzahlen in den Hallen in die Höhe treibt.

Basketball-Superstar LeBron James appellierte ebenfalls an die Kritiker: „Verdreht die Tatsachen nicht. Dank Caitlin Clark werden der WNBA viele gute Sachen passieren. Ich hoffe, sie kann all die Kritik ausschalten, Scheuklappen anlegen und weiter Spaß am Spiel haben.“ Clark selbst zeigt sich nach jedem Spiel positiv und optimistisch: „Die Zuschauer, das Umfeld – das ist toll für den Frauenbasketball. Wir haben Glück, in dieser Atmosphäre zu spielen und danken den Fans, die das möglich machen.“

Historische Dimension

Die Debatte um Clark ist eingebettet in eine längere Geschichte der Ungleichbehandlung im Frauensport. Die WNBA wurde 1996 gegründet, litt aber jahrelang unter geringen Gehältern, schlechten Trainingsbedingungen und mangelndem Medieninteresse. Erst in den letzten Jahren wuchs das Bewusstsein für die Leistungen der Athletinnen, unterstützt durch soziale Medien und prominente Fürsprecher. Die Verträge mit Nike und Wilson für Clark sind ein weiterer Schritt, werfen aber auch Fragen der Gerechtigkeit auf. Während die Liga und Sponsoren auf Clarks Popularität setzen, um die gesamte WNBA zu stärken, sehen viele schwarze Spielerinnen ihre jahrelange harte Arbeit nicht ausreichend gewürdigt.

Caitlin Clarks Karriere steht erst am Anfang. Sie hat das Potenzial, eine Ikone des Frauenbasketballs zu werden – nicht nur wegen ihrer sportlichen Fähigkeiten, sondern auch wegen ihrer Rolle in einer gesellschaftlichen Debatte. Der Druck ist enorm, doch sie scheint ihn zu meistern. Die ausverkauften Hallen, die Rekord-Einschaltquoten und die Aufmerksamkeit, die sie der Liga bringt, sind ein Gewinn für alle. Ob sie die Erwartungen erfüllen kann, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Bis dahin gilt: Geduld.


Source: Deutschlandfunk News


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