Nächtliche Angriffe auf Odessa und Dnipro
In der Nacht zum Sonntag haben russische Streitkräfte Luftangriffe auf die ukrainischen Städte Odessa und Dnipro durchgeführt, bei denen nach offiziellen Angaben insgesamt elf Menschen verletzt wurden, darunter zwei Jugendliche. In der Hafenstadt Odessa trafen Drohnen Wohngebäude, eine Schule und einen Kindergarten. Der Leiter der örtlichen Militärverwaltung, Serhij Lyssak, berichtete auf Telegram von einem verletzten elfjährigen Jungen und einem 59-jährigen Mann.
In der südöstlichen Industriestadt Dnipro lösten Raketenangriffe mehrere Brände aus, die unter anderem ein Hochhaus und ein Lager für Pyrotechnik betrafen. Gouverneur Oleksandr Hanscha erklärte, neun Menschen seien verletzt worden, darunter ein zehnjähriger Junge. Die ukrainischen Behörden arbeiten daran, die Schäden zu beheben und die Verletzten zu versorgen. Die genauen Umstände der Angriffe lassen sich derzeit nicht unabhängig überprüfen.
Ukrainische Drohnenoffensive gegen Moskau
Als Reaktion auf die russischen Angriffe hat die Ukraine in den vorangegangenen Nächten massive Drohnenattacken auf die Region Moskau gestartet. Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums wurden 556 ukrainische Drohnen abgewehrt. Gouverneur Andrej Worobjow sprach von einem „groß angelegten“ Angriff, bei dem mindestens drei Menschen getötet wurden. In der Ortschaft Chimki nordwestlich der Hauptstadt kam eine Frau ums Leben, zwei Männer in einem Dorf nordöstlich von Moskau. Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin teilte mit, 64 Drohnen seien über der Stadt abgeschossen worden.
Präsident Wolodymyr Selenskyj bestätigte den Angriff und bezeichnete ihn als gerechtfertigte Antwort auf die Verlängerung des Krieges durch Russland. „Unsere Antworten sind vollkommen gerechtfertigt“, schrieb er auf X. Er betonte, dass die Ukraine in der Lage sei, selbst die dichteste Luftabwehr Russlands zu überwinden. Die russische Luftabwehr um Moskau gilt als eine der stärksten des Landes. Selenskyj forderte zudem eine strengere Einhaltung der Sanktionen gegen Russland, da die bei den Angriffen eingesetzten Raketen aus diesem Jahr stammten und ohne westliche Komponenten nicht hätten hergestellt werden können.
Drohnenvorfälle in den baltischen Staaten
In Litauen ist eine mutmaßlich ukrainische Drohne nahe der Stadt Utena abgestürzt. Nach Behördenangaben explodierte das Flugobjekt nicht, und es gab keine Verletzten. Der Leiter des litauischen Krisenzentrums, Vilmantas Vitkauskas, erklärte, die Drohne sei „sehr wahrscheinlich“ ukrainisch gewesen. Seit Kriegsbeginn sind in den baltischen Staaten wiederholt russische und ukrainische Drohnen abgestürzt. In Lettland hatte ein Vorfall mit zwei ukrainischen Drohnen Anfang Mai sogar eine Regierungskrise ausgelöst, die zum Rücktritt von Verteidigungsminister Andris Sprūds und Ministerpräsidentin Evika Siliņa führte.
Das lettische Militär meldete zudem, dass am Morgen eine Drohne kurzzeitig in den lettischen Luftraum eingedrungen und dann wieder abgeflogen sei. Nato-Kampfjets wurden aktiviert. Diese Vorfälle verdeutlichen die zunehmende Bedeutung von Drohnen im Konflikt und die damit verbundenen Risiken für die Nachbarländer.
Gefangenenaustausch und Rückführung von Gefallenen
Unterdessen hat Russland 528 Leichen mutmaßlicher ukrainischer Soldaten an die Ukraine übergeben. Dies teilte das ukrainische Zentrum für Kriegsgefangene mit. Die Identifizierung der Toten sei eingeleitet worden. Erst kurz zuvor hatten beide Seiten jeweils 205 Kriegsgefangene ausgetauscht. Diese humanitären Maßnahmen finden trotz der fortgesetzten Kampfhandlungen statt.
Die Ukraine hat zudem die Einrichtung eines Sondertribunals für das Verbrechen der Aggression vorangetrieben. 34 Mitgliedstaaten des Europarats sowie die EU, Australien und Costa Rica haben ihre Teilnahme zugesagt. Der Internationale Strafgerichtshof ist nicht für das Verbrechen der Aggression gegen die Ukraine zuständig, weshalb dieses Tribunal eine Lücke schließen soll.
Internationale Reaktionen und politische Entwicklungen
US-Präsident Donald Trump äußerte sich besorgt über die russischen Angriffe auf Kyjiw, bei denen mindestens 24 Menschen getötet wurden. Er sagte, die Friedensbemühungen seien gefährdet, und er habe mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping über den Konflikt gesprochen. Beide Staatschefs wünschten ein Ende der Kämpfe. Trump hatte zuvor mit Xi während seines China-Besuchs gesprochen. Die Ukraine forderte eine Bestrafung Moskaus für den Angriff.
Russlands Präsident Wladimir Putin wird nächste Woche zu einem zweitägigen Besuch nach China reisen, um die „umfassende Partnerschaft und strategische Zusammenarbeit“ zu stärken. Geplant sind die Unterzeichnung einer gemeinsamen Erklärung und bilateraler Dokumente. Der Besuch markiert den 25. Jahrestag des Vertrags über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit. Diese Reise erfolgt parallel zu den anhaltenden Spannungen mit dem Westen.
In der Slowakei prüft Ministerpräsident Robert Fico, ob der slowakische Pipelinebetreiber Transpetrol künftig direkt russisches Öl kaufen kann, anstatt über den ungarischen Konzern Mol. Die Slowakei und Ungarn sind von den EU-Sanktionen gegen russische Ölimporte teilweise ausgenommen. Dies zeigt, wie eng die Energieabhängigkeit mit geopolitischen Entscheidungen verwoben ist.
Militärische Lage und drohende Eskalation
Die Frontlinie in der Ukraine ist weitgehend stabil, aber der Drohnenkrieg gewinnt an Intensität. Russlandexpertin Hanna Notte warnt, dass ein russischer Angriff auf Europa wahrscheinlicher wird, nicht weil Putin sich überlegen fühlt, sondern weil ihm die Optionen ausgehen. Die USA greifen zunehmend Verbündete Russlands an, wie Venezuela und Iran, was die Lage weiter verschärft. Die Nato und die EU beobachten die Entwicklungen mit Sorge.
In der von Russland besetzten Stadt Sewastopol auf der Krim wurden mehrere Drohnen abgeschossen, Wohnblocks und Häuser beschädigt. Der russische Verwalter Michail Raswoschajew meldete 25 abgeschossene Drohnen. Die Ukraine hat sich dazu nicht geäußert. Auch nahe dem Atomkraftwerk Saporischschja stürzte eine ukrainische Drohne ab, ohne das Kraftwerk zu beschädigen. Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) warnt seit langem vor den Risiken der Besetzung des Kraftwerks.
Am Freitag wurde in der russischen Region Belgorod ein Hochhaus von einer ukrainischen Drohne getroffen, wobei neun Menschen verletzt wurden. Die veröffentlichten Bilder zeigen erhebliche Schäden an der Fassade. Diese Angriffe sind Teil einer Serie von gegenseitigen Attacken, die den Alltag der Zivilbevölkerung massiv beeinträchtigen.
Die ukrainische Regierung hat die internationale Gemeinschaft erneut aufgerufen, die militärische Unterstützung zu verstärken. Ohne ausreichende Waffenlieferungen, insbesondere Luftabwehrsysteme, könne die Ukraine die russischen Angriffe nicht wirksam abwehren. Die Debatte über eine mögliche Eskalation des Konflikts und die Rolle der Nato hält an.
Source: DIE ZEIT News